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1.6                      Miriam

mirjam 1Der Name bedeutet vermutlich Seherin, Herrin.

Miriams erster großartiger Auftritt findet im 2. Buch Mose statt, auch wenn sie nicht mit Namen genannt wird. Zwar wird sie sonst nur selten erwähnt, dennoch ist sie eine wichtige Gestalt in der Geschichte Israels. Sie war die erste Frau, die als Prophetin bezeichnet wurde, und galt neben ihren Brüdern Mose und Aaron auch als politische Führerin. Ob als Gottes Werkzeug, als charismatische Heldin der durch die Wüste ziehenden Israeliten oder als Rebellin, die sich gegen die göttliche Autorität auflehnte, immer stand sie inmitten dramatischer Ereignisse.

Als der 3 Monate alte Mose in einem Binsenkorb im Schilf am Nilufer ausgesetzt wurde, beobachtete seine Schwester aus einiger Entfernung, was geschehen würde. Zwar wird nichts darüber gesagt, was in ihr vorging, doch schon bald zeigte sie besondere Geistesgegenwart. Als die Pharaotochter, die gerade baden wollte, das Kind entdeckte, kam Miriam aus dem Versteck hervor und bot sich an, eine hebräische Amme zu suchen. Sie holte die Mutter des Kindes herbei, so dass Jochebed, die Mutter von Moses, durch eine List Mose wieder mitnehmen konnte. Es war also Miriam, die den Lauf der Geschichte beeinflusste, indem sie Mose retten half, der zum größten Führer Israels werden sollte.

Bei dem zweiten Auftritt — diesmal wird sie namentlich erwähnt — erscheint Miriam als Anführern des Frauenchors, der die Rettung der Israeliten vor den Ägyptern und den Untergang der feindlichen Wagen im Roten Meer pries. Ihr Lobgesang „Singt dem Herrn, der seine große Macht erwiesen und Ross und Wagen ins Meer geworfen hat!“ (Exodus 15,21) zählt zu den ältesten poetischen Stellen der Heiligen Schrift. Miriam wird hier als Prophetin bezeichnet, vermutlich weil ihre Musik und ihr Tanz eine geistige Euphorie auslösten, die einer göttlichen Ekstase gleichkam.

Die dritte Geschichte zeigt, dass Miriams Anspruch als geistige Führerin verhängnisvolle Folgen haben sollte. Während des Wüstenzuges stellten sie und Aaron die alleinige Führungsrolle Moses in Frage, da sie sich als gleichrangige Prophetin sahen: ,, ,Darf Mose behaupten, dass nur er den Willen des Herrn kennt? Hat der Herr nicht auch zu uns gesprochen?“‘ (Numeri 12,2). Der hebräisch Urtext ließ die Gelehrten vermuten, dass Miriam als Wortführerin auftrat, während Aaron ihr lediglich beipflichtete.

Mose war ein bescheidener Mensch und gar nicht machthungrig, doch Gott hatte andere Pläne mit ihm. Erzürnt über das Aufbegehren der beiden, kam Gott in einer Wolkensäule herab und erklärte ihnen die einzigartige Stellung ihres Bruders: „Deshalb rede ich zu ihm wie ein Mensch zu einem anderen, in klaren, eindeutigen Worten. Er darf sogar mich selbst sehen“‘ (Numeri 12,8). Zur Strafe wurde Miriam von Aussatz befallen, womit vermutlich allgemein eine Hautkrankheit gemeint war. Aaron, der verschont blieb, flehte zu Gott, dass sie wieder gesund werden möge, und auch Mose setzte sich für seine Schwester ein. Aber Gott bestand darauf, dass die von einer Hautkrankheit befallene Miriam für 7 Tage aus dem Lager ausgeschlossen wurde.

Verwirrend ist in diesem Bericht der Hinweis, Miriam habe sich gegen Mose aufgelehnt, weil dieser eine kuschitische Frau, vielleicht eine Nubierin oder Araberin, geheiratet hatte. Einige Gelehrte meinen zwar, sie sei mit einer Hautkrankheit bestraft worden, weil sie Einwände gegen die Frau hatte, aber die meisten sind der Ansicht, dass Miriam aufbegehrte, weil auch sie im Namen Gottes weissagen wollte. Sie starb kurz vor dem Ende der Wüstenwanderung und wurde in Kadesch beerdigt.

In anderen Bibelstellen wird Miriam als ihren Brüdern ebenbürtig dargestellt, so etwa wenn Gott das Volk Israel erinnert: ,,Ich habe dir Mose, Aaron und Miriam als Führer gegeben“‘ (Micha 6,4). Nichtbiblischen Legenden zufolge starb Miriam, wie ihre Brüder auch, erst nachdem Gott sie geküsst hatte, denn der Todesengel war gegen sie machtlos. Zur Zeit Herodes des Großen war Miriam — die hebräische Form von Maria — bei jüdischen Mädchen ein häufiger Name, und so hießen auch Jesu Mutter und andere Frauen des NT (Neuen Testaments).

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