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2.3 Gewaltlosigkeit bei Jesus - Der dritte Weg Jesu

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: "Ein Auge für ein Auge und einen Zahn für einen Zahn."Aber ich sage euch: setzt dem, der böse ist, keine Gewalt entgegen. Sondern wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin; wenn dich jemand verklagt und deinen Mantel fordert, dann lass ihm auch dein Untergewand; wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei Meilen. (Mat.5,38-41)

Jesus bricht GewehrEs gibt drei mögliche Reaktionen auf das Böse: I. Passivität, 2. Gegengewalt - oder 3. den Weg militanter Gewaltlosigkeit, wie ihn Jesus gefordert und vorgelebt hat. Die Entwicklung der Menschheit hat uns nur für die ersten beiden Möglichkeiten konditioniert: Flucht oder Kampf. "Kampf"` war die Parole jener Galiläer gewesen, die - nur zwei Jahrzehnte bevor Jesus auftrat - erfolglos gegen Rom rebelliert hatten. Jesus und viele seiner Zuhörerinnen und Zuhörer hätten zweifellos mit angesehen, wie zweitausend ihrer Landsleute von den Römern an den Straßenrändern gekreuzigt worden waren. Oder sie hatten Einwohner von Sapphoris gekannt (einem Ort, der nur 5 Kilometer nördlich von Nazareth lag), die in die Sklaverei verkauft worden waren, weil sie den Anschlag der Aufständischen auf das dortige Zeughaus unterstützt hatten. Für diese Menschen hatte es keinen Dritten Weg gegeben. Unterwerfung oder Revolte - darin erschöpfte sich das Vokabular ihrer Möglichkeiten im Widerstand gegen die Unterdrückung.

"Handle nicht einfach im Reflex auf das Böse!" oder "Nimm an dem, der dich übel behandelt, keine Rache!". Die Aufforderung Jesu kann aber nicht so gedeutet werden, als ginge es um Unterwerfung.

Jesus verdeutlicht sein Verständnis von Gewaltlosigkeit durch drei kurze Beispiele: "Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!" Weshalb ausgerechnet die rechte Backe? Wie schlägt man überhaupt einen anderen auf die rechte Backe? Versuchen Sie das einmal! Der Schlag eines Rechtshänders mit der rechten Faust landet in der Regel auf der linken Wange seines Gegners. Ein Faustschlag auf die rechte Wange müsste ein linker Haken sein. Aber in der damaligen Gesellschaft pflegte man die linke Hand nur zu unreinen Verrichtungen zu benutzen. In der religiösen Gemeinschaft von Qumran brachte einem schon eine Drohgebärde mit der linken Hand eine zehntägige Strafbuße ein (Schriftrollen vom Toten Meer, r QS 7). Nur mit der rechten Rückhand könnte man sein Gegenüber auf die rechte Backe schlagen. Es .geht hier also zweifellos nicht um einen Faustkampf sondern um eine Beleidigung. Die Absicht besteht offensichtlich nicht darin, zu verletzen, sondern zu demütigen und Untergebene auf ihren Platz zu verweisen. Einen Gleichrangigen pflegte man nicht zu schlagen; wenn man es doch tat, war die Strafe exorbitant (4 Zuz war die Strafe, wenn man einen Gleichrangigen mit der Faust schlug, und sogar 400 Zuz, wenn das mit der Rückhand geschah; schlug man hingegen einen Untergebenen, so wurde das überhaupt nicht strafrechtlich geahndet - so Mischna, Baba Kamma 8, 1-6. Aber es war gang und gäbe, auf diese Art Untergebene zu züchtigen. Sklavenhalter schlugen mit der Rückhand ihre Sklaven, Ehemänner ihre Frauen, Eltern ihre Kinder, Römer Juden. Ein Schwarzafrikaner erzählte mir, wie in seiner Jugendzeit weiße Farmer ihre ungehorsamen Arbeiter noch immer mit der Rückhand zu züchtigen pflegten.

Es handelt sich hier also um Beziehungen zwischen Ungleichen; Vergeltung mit gleichen Mitteln wäre in jedem Fall selbstmörderisch! Weshalb empfiehlt Jesus diesen - ohnehin genügend gedemütigten - Menschen, die andere Backe hinzuhalten? Weil genau dies den Unterdrücker seiner Möglichkeit beraubt, sie zu demütigen! Die Person, die andere Backe hinhält, sagt damit! "Versuch es noch einmal! Dein erster Schlag. hat sein eigentliches Ziel verfehlt. Ich verweigere dir das Recht, mich zu demütigen. Ich bin ein Mensch wie du. Dein Status (Geld, Geschlecht, Rasse, Alter) ändert nichts an dieser Tatsache. Du kannst mich nicht entwürdigen."

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